Lisa Großkopf

LISAS FOTOSTUDIO

 

Vernissage: Do. 12. 3. 2026, 19:00 Uhr

Zur Ausstellung spricht: Mag. Dr. Maria Reitter-Kollmann, Abteilung Kultur - Leitung die KUNSTSAMMLUNG Land OÖ

Kuratorin: Daniela Wageneder Stelzhammer

Ausstellung bis Sa. 25. 4. 2026, 12:00 Uhr

Öffnungszeiten: Fr. 15 - 18.00 Uhr / Sa. 10 - 12.00 Uhr

 

Credit:  Lisa Großkopf/Bildrecht

 

In ihrer künstlerischen Praxis bewegt sich Lisa Großkopf durch vertraute Systeme und Ordnungen. Sie gilt zurecht als eine der Shooting Stars in der österreichischen Fotokunst-Szene. In ihren medienübergreifenden Installationen befasst sie sich mit dem Zusammenspiel von Ästhetik und der Vermittlung von Wirklichkeit. Ihre ortsspezifischen Arbeiten sind performative Eingriffe in den öffentlichen Raum und umfassen vielfältige Ausdrucksformen von Fotografien, Videos, Bücher oder Plakaten.

Die Ausstellung LISA'S FOTOSTUDIO ist ein von Lisa Großkopf fingiertes Fotostudio in den Galerieräumen des 20gerhaus. Kuratorin der Ausstellung ist Daniela Wageneder-Stelzhammer.

 

 

Lisa Großkopf (* 1989 in Wien) studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien, an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie an der Kunstuniversität Linz. Ihre rege Ausstellungstätigkeit führte sie neben Ausstellungen im Lentos, im Belvedere 21, im Museum der Moderne Salzburg, im Kunsthaus Graz oder kürzlich im Rahmen des Ars Electronica Festivals auch unter anderem bereits nach Tel Aviv, Hamburg, Budapest, Teheran, Düsseldorf, Bratislava, Amsterdam, Kassel oder Jacksonville darunter auch Einzelausstellungen in Prag, Ljubljana und Chongqing.Sie erhielt den Würdigungspreis der Akademie der bildenden Künste Wien, das Emanuel-und-Sofie-Fohn-Stipendium, das Große Kunststipendium des Landes Burgenland, das Startstipendium für Fotografie des Österreichischen Bundeskanzleramtes und wurde mit dem Gabriele-Heidecker-Preis ausgezeichnet. Ihre Arbeiten befinden sich in öffentlichen Sammlungen wie dem Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien, der Sammlung des Landes OÖ, der Fotosammlung des Bundes, dem Wien Museum, der Landesgalerie Burgenland und dem Museum Angewandte Kunst Frankfurt.

 


Fotocredit: Christine Wawrinek


 

Frau Dr.in Maria Reitter-Kollmann: Die Fotografie als Schaufenster

Die Ausstellung Lisas Fotostudio in der Galerie 20gerhaus in Ried führt die Fotografie zurück zu einem ihrer zentralen, oft übersehenen Orte: dem Schaufenster. Jenem Grenzraum zwischen Innen und Außen, zwischen privater Inszenierung und öffentlicher Sichtbarkeit, der historisch nicht nur Waren, sondern auch gesellschaftliche Normen ausgestellt hat. In der Arbeit von Lisa Großkopf wird das Schaufenster zum Denkraum – und die Fotografie zum Fenster, das weniger zeigt, als vielmehr befragt.

 

Lisa Großkopf, die Grafikdesign und Fotografie an der Kunstuniversität Linz bei Bettina Frank studierte und an der Universität für angewandte Kunst Wien die TransArt-Klasse unter der Leitung von Roman Pfeffer besucht hat, arbeitet konsequent an der Schnittstelle von persönlicher Erfahrung und gesellschaftlichem System. Ihre Kunst hat immer mit ihr selbst zu tun: Sie ist Modell, Akteurin, Projektionsfläche. In ihren Arbeiten verhandelt sie ihre Rolle als Frau im sozialen Gefüge ebenso wie im Kunstbetrieb – eine Selbstbefragung, die nie narzisstisch, sondern strukturell angelegt ist.

 

Seit 2016 entwickelt die Künstlerin die Serie Lisas Fotostudio in unterschiedlichen österreichischen Städten. Ausgangspunkt war eine zufällige Beobachtung: ein leerstehendes Geschäftslokal in Linz-Urfahr, dessen Auslage sie beim Warten auf eine Freundin in den Bann zog. Diese Begegnung löste eine Kette von Fragen aus: Welche Körper werden im Fotostudio gezeigt? Welche Posen gelten als „richtig“? Welche Lebensmodelle werden sichtbar gemacht – und welche ausgeschlossen?

 

Großkopf baut seither sogenannte Fake-Auslagen: inszenierte Schaufenster, die an klassische Fotostudios erinnern, wie sie jahrzehntelang das Stadtbild prägten. Hochzeitsfotos wie aus dem Bilderbuch, Blumen, Schmuck, makellose Körper, klare Geschlechterrollen. Es sind Konstruktionen eines normativen Gesellschaftsbildes, klischeebeladen, scheinbar harmlos – und gerade dadurch irritierend. Homosexuelle Paare, Menschen mit Behinderungen, Abweichungen von der Norm bleiben in diesen Auslagen ebenso unsichtbar wie sie es historisch waren. Die Künstlerin hält der Fotografie einen Spiegel vor, indem sie so tut, als wäre alles noch wie früher.

Diese Schaufensterinstallationen werden von Großkopf fotografiert und als großformatige Prints als Diasec aufkaschiert auf Aludibond (ca. 1×1,70 m) präsentiert. Durch das Aufkaschieren entsteht eine zusätzliche Ebene von Glätte und Distanz: einmal das reale Schaufenster, einmal dessen fotografische Verdoppelung. Das Ergebnis ist ein nostalgischer Zugriff, der nicht verklärt, sondern freilegt. Das Fotostudio erscheint als Relikt einer Zeit, in der Fotografie noch an einen Ort gebunden war – im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Fotografie ein freies Gewerbe ist und Fotostudios weitgehend verschwunden sind.

 

Hier öffnet sich ein kunsthistorischer Resonanzraum zu Walker Evans, einer Schlüsselfigur der dokumentarischen Fotografie. Evans, der 1938 seine erste Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York hatte, wusste um das Paradox der Fotografie: ihre Fähigkeit, Wirklichkeit zu zeigen – und zugleich nie Wirklichkeit zu sein. In seinem Buch American Photographs beginnt er mit der Abbildung einer Fotostudio-Auslage, einer Verdoppelung der Außenwelt im Bild. Das Buch zeigt ein Bild vom Bild. Realität erscheint hier bereits als Konstruktion.

Großkopf knüpft an dieses Denken an, verschiebt es jedoch in die Gegenwart. Während Evans nüchtern dokumentierte, interveniert sie subtil. Ihre Eingriffe sind künstlich, aber bewusst minimal. Gerade dadurch wird sichtbar, wie sehr sich der Diskurs verschoben hat: Queerness hat sich etabliert, das „heile Welt-Bild“ der klassischen Familie ist brüchig geworden – und doch wirken die alten Bilder nach. Das Fotostudio als Schaufenster wird zur Metapher für Fotografie selbst: als Ort der Auswahl, der Ausschlüsse, der Inszenierung.

Im digitalen Zeitalter, in dem KI-generierte Bilder und allgegenwärtige Kameras die visuelle Kultur bestimmen, erscheint Lisas Fotostudio als Zeitdokument. Es erinnert an einen aussterbenden Beruf, an eine verlorene Öffentlichkeit der Fotografie – und stellt zugleich die Frage, was zurückkehren könnte. Wie einst Wanderfotografen ohne Studio arbeiteten, so ist heute die Fotografie ortlos geworden. Doch das Bedürfnis nach Bildern, die Zugehörigkeit, Identität und Normalität behaupten, bleibt.

 

Mit ihrer fotografischen Inszenierung öffnet Lisa Großkopf ein Fenster: nicht zur Wirklichkeit, sondern zu ihrer Konstruktion. Und genau darin liegt die nachhaltige Kraft dieser Ausstellung. Lisa Großkopf macht das Schaufenster zu einem demokratischen, niederschwelligen Ort der Kunst, an dem die irritierende Kraft der Fotografie gesellschaftliche Normen sichtbar macht und die Öffentlichkeit zum Innehalten und zur aktiven Auseinandersetzung mit sozialem Wandel einlädt.